Seit über einem Semester bin ich nun auf der FH Darmstadt (neuer Name: h_da) und ich will mal versuchen ein Fazit zum Wechsel von der TU-Darmstadt weg zu finden.
Das erste was einem beim Wechsel auffällt ist, dass alles viel kleiner ist. Keine riesigen Hörsäle gefüllt mit hunderten an Studenten. Stattdessen fast schon Klassenatmospähre - und dies ist explizit so gewollt: die Studenten werden am Anfang des Studiums in Züge eingeteilt (ein Kriterium ist beispielsweise wo man wohnt, so dass Kommilitonen eines Zuges in ungefährer Umgebung wohnen).
Solange man in seinem Zug bleibt, kennt man viele Leute nach einem Semester - an der Uni hatte ich eher das Gefühl in den Massen unterzugehen. Weiterhin gibt es für jeden Zug einen vorgefertigten Stundenplan. Den kann man zwar modifizieren aber ärgerliche Überschneidungen fallen erstmal weg.
Den Stundenplan kann man genauso wie die Klausuranmeldungen über ein Webinterface machen - ein echter Fortschritt gegenüber der alten Papiertechnik bzw das Webreg an der TUD
Für einen Wechsler hat das Zug-System einen weiteren Vorteil: manche Vorlesungen werden von vier Dozenten parallel gehalten.
Richtig gelesen: dort wo die Uni beispielsweise für 120 Leute einen Dozenzen hinstellt, gibt es an der FH vier Dozenten für jeweils 30 Studenten.
Daraus ergeben sich einige sehr nette Vorteile: der Dozent kennt seine Studenten aufgrund der überschaubaren Anzahl.
Wenn man dann noch betrachtet, dass der Uni-Prof vielleicht eine Sprechstunde in der Woche hat, bei der dutzende von Studenten aufschlagen, weiß man zu schätzen, dass es bei den FH-Profs nur selten eine Warteschlange gibt.
In den Praktika wiederrum wird die Studentenzahl nochmals reduziert, so dass teilweise in einer Praktikumsstunde nur 10 oder weniger Studenten sitzen. Diese werden wiederrum vom Dozenten betreut!
Also völlig anders als an der Uni wo es für die Betreuung der Praktika und Übungen nur studentische Tutoren gibt. Diese Tutoren müssen das zu betreuende Gebiet schon bestanden haben, was aber leider kein Indiz darauf ist, ob sie den Stoff wirklich gut können. Wenn beispielsweise der Vorlesungsstoff geändert wird, müssen die Tutoren den Stoff auch neu lernen.
Das bei den vielen Tutoren für eine Vorlesung dann teilweise unterschiedliche Maßstäbe angesetzt werden, durfte ich auch erfahren: bei einer erlaubten Gruppenarbeit einer Hausaufgabe kam einer durch, der andere musste die ganze Vorlesung ein Semester später nochmal hören...
Wenn man dann mal mit den FH-Studenten redet, sind diese teilweise entsetzt darüber, dass andere Studenten über die eigene Leistung richten.
Die Praktika sind an der FH auch echte Praktika: in Datenbanken muss man eine Datenbank auf einem Oracle Server erstellen und wirklich damit was machen. An der Uni sollte man das ganze nur theoretisch auf dem Blatt machen.
Teilweise gab es zwar die Möglichkeit praktische Zusatzübungen zu machen, aber das war eher selten (Beispiel: Data and Knowledge Engineering: es gab einen Oracle-Account für die Studenten). In anderen Vorlesungen musste man beispielsweise die Konfiguration von Cisco-Netzkomponenten lernen ohne jemals Zugang zu einer solchen Maschine zu haben (Netzwerksicherheit).
In der Vorlesung Telekommunikation soll man beispielsweise ein eigenes Netzwerk mit DHCP, DNS usw aufsetzen.
Aber das ist wohl der gravierenste Unterschied: an der Uni lernt man alles theoretisch aber kann es nicht wirklich sofort umsetzen. An der FH kannst du danach wirklich was du gelernt hast.
So habe ich in einem Forum einen ehemaligen TUD-Studenten gefunden, der zwar Datenbanken gehört hat und auch mit Gut bestanden, aber eine Datenbank zu normalisieren kann er nicht.
Das war irgendwie auch bei mir immer das Motto für die Klausuren: lernen und vergessen.
Wobei man hier erwähnen muss, dass "Lernen" an der Uni bedeutet: bring es dir selber bei. Programmieren bekommt man an der TU Darmstadt nicht wirklich beigebracht und programmiert wird auch nur um den Studenten Algorithmen ins Hirn zu pressen.
Wer ohne Vorkenntnisse an die Uni kommt hat es imho sehr schwer.
Das sich dann aber noch die Veranstalter auf den Standpunkt stellen, dass dies ein Unding ist wenn ihre Studenten nicht programmieren können und einfach mal in eine Klausur eine fette Programmieraufgabe setzen, zeugt meiner Ansicht nach davon, dass man sich des Problems bewusst ist aber keine Hilfe anbieten möchte... Meine Erfahrung ist: lieber die Leute rausprüfen ist das Motto.
An der FH jedoch wird programmiert des Programmierens willens - nachdem man es wirklich gut und schrittweise zeigt bekommen hat.
Sehr angenehm finde ich auch die FH-Klausuren. Statt abzufragen was der Student nicht kann, wird geprüft was der Student kann. Im Gegensatz zur Uni-Klausur schafft man eine FH-Klausur in der vorgegebenen Zeit vollständig zu bearbeiten. Da kann es passieren, dass der Dozent nach einer halben Stunde reinkommt und meint, dass die guten schon die Klausur recht weit fertig haben sollten - der Rest hätte aber noch eine Stunde
Fazit: ich glaube wenn man die Abiturienten vor ihrer weiteren Ausbildungslaufbahn genau aufklärt was denn der Unterschied/Vor- und Nachteile zwischen FH und Uni sind, würden viel mehr Schüler sich für die FH entscheiden.
Die Dozenten an der FH haben und nehmen sich einfach mehr Zeit für ihre Studenten. Wer vor allem mit der Lernart "Mach halt mal und such dir deinen Kram zusammen" nicht klar kommt, ist an der Uni fehl am Platz. Wer aber nach seinem Bachelor-/Master-Abschluß im Einstellungsgespräch mit Überzeugung sagen will, was er alles gelernt hat (ohne persönlichen Extraaufwand zu betreiben) und wirklich kann (also praktisch einsetzen), der wird sich FH besser aufgehoben fühlen.
Mir macht das Lernen jedenfalls nach dem Wechsel an die FH wieder richtig Spaß. Man steht morgens gerne für eine Vorlesung auf anstatt sich umzudrehen und zu denken, dass alles was der Prof von den Folien runterbetet, man sich auch selber anlesen kann. In Hinblick auf Studiengebühren bin ich wesentlich eher bereit für die Leistung an der FH zu zahlen anstatt für das was ich von der Uni geboten bekommen habe.
Und noch etwas ist mir stark aufgefallen: die Leute an der FH sind nicht so fanatisch was das Betriebssystem angeht